Faszination Kanada

Herbst in der Wildnis

Herbst in der Wildnis
Herbst in der Wildnis

Von Nicole Lischewski
Wie Blutstropfen sprenkelt rotes Herbstlaub die Landschaft, in der die ersten Sonnenstrahlen die Bergspitzen wundrot tünchen. Das lang gezogene Klagen eines Eistauchers klingt durch den Frühnebel herüber, der einzige Laut in der Morgenstille. Ich kuschele mich tiefer in meine Jacke und mache Zehengymnastik, kämpfe gegen die stetig fortschreitende Unterkühlung an. Wir sind auf Elchjagd.Mein Freund Chris legt das Gewehr beiseite und hält sich die Hände wie ein Sprachrohr vor den Mund, schließt konzentriert die Augen: „Wöööööh!“ Seine Imitation des Elchbrunftrufs erfüllt das Tal bis hoch in die Berge, schallt zurück und wird von den Bäumen und der feuchten Erde erstickt. Stille hüllt uns wieder ein, als ob der ganze Wald auf die Antwort eines Elchbullen horcht.

Wie ich das Töten hasse, auch nach acht Jahren Wildnisleben. Die Jagd ist unsere persönliche Wahl und keine zwingende Notwendigkeit. Wir würden hier in der Wildnis ohne Elchfl eisch nicht verhungern, sondern könnten mit dem Boot, Schneemobil oder Buschflugzeug andere Lebensmittel hereinbringen. Es ist ja nicht mehr wie vor hundert Jahren, wo das eigene Leben völlig vom Auslöschen eines anderen abhing. Aber in einer Gegend, in der die Vegetation nur vier Monate lang wächst, nur von Gemüse zu leben, erscheint mir auch nicht sinnvoll. Und welche Freilandhaltung ist ökologischer als die eines Elchs in der kanadischen Wildnis? Das Schicksal von Bio-Rindern und Hühnern ist vorprogrammiert, sie werden für den Menschen geschlachtet. Für sie gibt es kein Entkommen. Ob wir dagegen einen Elch erlegen und welchen, ist niemals sicher.

Ich seufze leise. Hier an den Quellseen des Yukon River, wo es oft still und einsam ist, ist mir die Kostbarkeit eines jeden Lebens bewusst. Die Tiere sind in diesem Land mehr zu Hause, als ich es jemals sein werde. Die Wildnis spiegelt sich in jeder ihrer Bewegungen wider: das Wasser im federnden Lauf eines Elches, die Beeren in der runden Gestalt eines Bären, Karibus im ausdauernden Lauf eines Wolfs.

Mehr dazu lesen Sie in der Ausgabe 1/2014 des Magazins 360° Kanada.

 

Herbst in der Wildnis
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Christine Walter

Christine ist u.a. Chefredakteurin des seit 2010 erscheinenden Magazins 360° Kanada und damit – zumindest gedanklich – immer wieder im zweitgrößten Land der Erde unterwegs. Mit ihrem Magazin liefert sie alle drei Monate eine Rundum-Perspektive von Kanada. Der Schwerpunkt liegt auf Reiseberichten und Städteinfos, Berichte über Wanderungen und andere Outdoor-Aktivitäten sowie die Vorstellung attraktiver Unterkunftsmöglichkeiten runden den Reiseteil ab. Auswanderer berichten, was sie bewogen hat, ihre Zelte abzubrechen und ein neues Leben in Kanada zu beginnen. Aber nicht nur Urlaub und Auswandern stehen im Vordergrund – 360° Kanada zeigt noch mehr Perspektiven von Kanada. Kultur und Lifestyle werden ebenso regelmäßig thematisiert wie die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung. Abgerundet wird das redaktionelle Spektrum durch die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse. 360° Kanada ist damit ein Muss für jeden Kanada-Fan!

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