Faszination Kanada

Die grundlegende Erneuerung des kanadischen Einwanderungssystems

Von Gerd Damitz, North York (Ontario)

In Deutschland gibt es aufgrund des demographischen Strukturwandels intensive Diskussionen über erfolgreiche Einwanderungskonzepte, um die Problematik fehlender qualifizierter Arbeitskräfte und Bevölkerungsschwund abzuschwächen. Auf der Suche nach erfolgreichen Modellen wurde des öfteren auch nach Kanada geschaut.

Kanadas Einwanderungssystem hatte allerdings selber seit laengerem mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die im Laufe der Jahre immer größer wurden. Dazu gehörten eine Warteschlange von ungefähr 1 Million Einwanderungsanträgen, Bearbeitungszeiten bis zu 10 Jahren, laxe Abschiebung nicht qualifizierter Antragsteller,  ein Asylantragsgesetz das zu Missbrauch einlud, ein höherer Arbeitslosigkeitsanteil bei neu eingewanderten Arbeitnehmern und eine ungleichmäßige Zirkulierung von Einwanderungsinvestmentgeldern unter den kanadischen Provinzen.

Jason Kenney, kanadischer Einwanderungsminister seit Oktober 2008, ist nun mit einer unglaublichen Energie für die Umgestaltung des kanadischen Einwanderungssystems verantwortlich. Schritt für Schritt wurden die Auswahlkriterien und Methoden in fast allen Bereichen geändert. Plötzlich sind Just-in-Time, international Worker Pool und Venture Capital Begriffe die man kennen muss, und Bestandteil einer neuen Einwandererauswahlphilosophie.

Es handelt sich hierbei nicht unbedingt um kanadische Innovationen, sondern um die Adaption existierender Einwanderungsprogramme in Neuseeland und Australien oder angedachter Konzepte in USA. Die Herausforderung besteht allerdings darin, diese Adaptionen zielgerecht auszusuchen und in ein kanadisches Gesamtstrategiekonzept zu integrieren. Es gibt natürlich auch Kritik an den neuen Einwanderungsprogrammen, aber da noch nicht alle Änderungen im Detail bekannt sind und es auch keine Erfahrungswerte gibt, ist es noch zu früh, darüber abschließend zu urteilen.

Für den Abbau des Antragsbacklog, der zu einem Großteil aus Anträgen aus den ökonomischen Kategorien stammt, wurde für diese teilweise ein Moratorium eingeführt oder die Visaantragstellerzahl begrenzt.  Diese Maßnahmen kann man als ‘Common Sense’ bezeichnen, da nur so Ressourcen zur Bearbeitung des Antragsstaus freigeschaltet wird, wenn die Einstellung zusätzlicher Einwanderungsbeamter kein Thema ist. Allerdings hat die zusätzliche Entscheidung ca. 280.000 Anträge des vorhandenen Backlogs einfach ohne Bearbeitung abzuschließen, zu einer Vielzahl von Gerichtsverfahren geführt, die noch nicht abgeschlossen sind. Ein Ausschnitt der bedeutsamen Reformen in der ökonomischen Einwanderungskategorie wird nun einen ersten Einblick über den Wandel verschaffen.

Federal Skilled Worker Program
Am 4. Mai wurde diese Kategorie wieder freigegeben. Der Auswahlschwerpunkt liegt jetzt bei jüngeren Antragstellern, besseren Sprachkenntnissen, und längerer Berufserfahrung. Für die Sprachkenntnisse in Englisch oder Französisch wurden Mindestanforderungen eingeführt, die recht anspruchsvoll sind. Weiterhin müssen Schul- und Berufsabschlüsse von beauftragten Organisationen hinsichtlich der kanadischen Standards geprüft werden.
Diese neuen Bestimmungen sind allerdings nur ein Zwischenschritt zu einem Just-in-Time Konzept, welches 2014 /15 eingeführt werden soll. Dieses Zukunftskonzept sieht vor, dass Antragsteller keinen Antrag auf Einwanderung stellen können, sondern nur ein Interesse an Einwanderung anzeigen. Alle potenziellen Antragsteller werden dann in einem ‚Potential Worker Pool‘ gesammelt, und kanadische Firmen werden die Kompetenzen der Antragsteller mit dem Profil offener Stellen vergleichen. Ausgewählte Antragsteller dürfen dann den Antrag auf Einwanderung stellen. Das heißt, der Bedarf wird dann gedeckt, wenn er entsteht. In anderen Worten ‚just-in-time‘, und es wird als Konsequenz theoretisch nur einen minimalen Bestand von Einwanderungsanträgen in dieser Kategorie geben.

Federal Skilled Trades Class
Zum ersten Mal seit 40 Jahren hat Kanada wieder eine Einwanderungskategorie speziell für Handwerker. Diese Kategorie wurde am 2. Januar 2013 eingeführt und basiert auf einer veröffentlichten Berufsliste, die im Moment eher aus technischen Berufen besteht. Vier Voraussetzungen müssen erfüllt werden:

  • Es muss entweder ein genehmigtes Stellenangebot oder eine Qualifikationsbescheinigung der Province/Territorium vorliegen
  • Es muss eine Berufserfahrung vom mindestens zwei Jahren innerhalb der letzten fünf Jahre vorhanden sein
  • Die Berufserfahrung muss die Anforderungen der kanadischen Stellenbeschreibung erfüllen

Es müssen Mindestanforderungen hinsichtlich der Sprachkenntnisse erfüllt werden, die aber lediglich als durchschnittlich zu beschreiben sind.

Canada Experience Class
Hier gab es mit der Verkürzung der erforderlichen Arbeitszeit in Kanada von zwei Jahren auf ein Jahr eine sehr positive Änderung. Die Regelung trat ebenfalls am 2. Januar 2013 in Kraft und wird auch vielen Deutschen, die in Kanada ein Work Permit haben, die Einwanderung erleichtern. Englische oder französische Sprachkenntnisse müssen bestimmte Mindestanforderungen erfüllen.

Entrepreneur
Das ursprüngliche Einwanderungsprogramm für Unternehmer wurde am 1. Juli 2011 eingestellt. Der Schwerpunkt lag bei der Auswahl von kleinen und mittelständischen Unternehmern. Erfolgreiche Antragsteller mussten innerhalb von drei Jahren ein Unternehmen aufbauen oder mit der Schaffung von mindestens einer Vollzeitstelle übernehmen. Nach Aussage von CIC (Citizenship and Immigration Canada) ist die Wiederaufnahme des Programms nicht geplant.

Die neue Vorstellung ist, dass Kanada nach innovativen Unternehmern sucht, die das Potenzial haben, auf globaler Ebene konkurrieren können. Dafür wurde in einer Pilot Phase von fünf Jahren das Start-Up Visa Program eingeführt, welches Unternehmer sucht, die ihr Know-how mit Hilfe von kanadischen Organisationen des privaten Sektors in Start-ups einbringen. Diese Organisatoren sind im Prinzip Venture Capital-Firmen, die Antragsteller basierend auf einen Businessplan auswaehlen und beim Start-up finanziell und organisatorisch unterstützen. Ein Antrag auf Einwanderung kann nur dann gestellt werden, wenn diese Zusammenarbeit und Unterstützung zum Tragen kommt. Das Programm wurde am 1. April eröffnet und die Erwartungen für die Antragsanzahl im ersten Anlaufjahr liegt im zweistelligen Bereich. Der kanadische Einwanderungsminister höchstpersönlich war auf Werbetour im Silikon Valley und hat für junge High-Tech-Unternehmer geworben.

Ein Fazit meinerseits ist, dass eine ersatzlose Streichung eines Auswahlprogramms für kleine und mittelständische Unternehmer ein großer Fehler wäre, da auch in Kanada die kleinen und mittelständischen Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft und in den Gemeinden sind. Viele dieser Kleinunternehmen haben auch ein Überalterungsproblem und eine erfolgreiche Nachfolgeplanung wird wesentlich erschwert. Das neue Start-Up-Programm füllt zwar eine wichtige Nische, ist aber bei weitem nicht genug.

Investor Category
Auch diese Kategorie wurde eingestellt, und eine Veröffentlichung eines neuen Programmes mehrfach verschoben. Klar ist nur, dass die Teilnahme wahrscheinlich wesentlich kostspieliger wird. Die neuesten Gerüchte für die Federal Investor Category sprechen dagegen von 2.000.000 CAD Investment und einem Vermögen von 4.000.000 CAD. Grund dafür ist die Meinung, dass Kanada sich im internationalen Vergleich viel zu günstig verkauft hat.

Fazit
Die Änderungen heben die kanadischen Einwanderungsbestimmungen sicherlich auf ein neues Level. Die Zeiten eines breiten Anforderungsprofils sind vorbei und haben einem Einwanderungssystem Platz gemacht, das sich moderner Bearbeitungs- und Auswahlkonzepte bedient und in Richtung ‘pin-pointing’ und ‘cherry picking’ geht. Einiges klingt vielversprechend, einiges ist aber auch nicht durchdacht, was man bemerkt, wenn man bei einigen Änderungen in die Details geht, wie zum Beispiel bei der neuen Federal Skilled Trade Class.

Ob dieses komplexe und limitierende Auswahlsystem fuer die ökonomischen Kategorien, wie z.B. Arbeitnehmer, mittelfristig Erfolg hat und nicht von dem immer größr werdenden Arbeitnehmerbedarf überrollt wird, wird die Zukunft zeigen. Es gibt sicherlich auch noch Bedarf für ein funktionierendes Auswahlsystem für Unternehmer und Selbstständige. Im Hinblick auf den internationalem Wettbewerb werden bei dem kanadischen Einwanderungsprogramm die Flexibilität und Schnelligkeit bei der Umsetzung kritische Erfolgsfaktoren sein.

Gerd Damitz, BBA, MBA, RCIC, ist President von Amirsalam & Damitz (Tel: 416 495 8170; Fax; 416 491 8826; e-mail info@VisasCanada.com; www.info@visascanada.com).

Herr Damitz ist seit 1995 professioneller Einwanderungsberater, und hat die kanadische Einwanderungsberaterindustrie entscheidend mitgeprägt:
Er ist Gründungspräsident der Canadian Association Of Professional Immigration Consultants (CAPIC, Kanadas größter Einwanderungsberaterverband), Gründungsvorstandsdirektor  des Immigration Consultants of Canada Regulatory Council (ICCRC, Kanadas Aufsichtsbehörde für Einwanderungsberater) und hat folgende Immigration Industry Award erhalten: CAPIC Endeavour Award for Leadership 2013, Desjardins Industry Leadership Award 2011, CAPIC Pillars Award for Leadership 2011 & 2010, CAPIC Endeavour Award for Leadership 2007

Die grundlegende Erneuerung des kanadischen Einwanderungssystems
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Christine Walter

Christine ist u.a. Chefredakteurin des seit 2010 erscheinenden Magazins 360° Kanada und damit – zumindest gedanklich – immer wieder im zweitgrößten Land der Erde unterwegs. Mit ihrem Magazin liefert sie alle drei Monate eine Rundum-Perspektive von Kanada. Der Schwerpunkt liegt auf Reiseberichten und Städteinfos, Berichte über Wanderungen und andere Outdoor-Aktivitäten sowie die Vorstellung attraktiver Unterkunftsmöglichkeiten runden den Reiseteil ab. Auswanderer berichten, was sie bewogen hat, ihre Zelte abzubrechen und ein neues Leben in Kanada zu beginnen. Aber nicht nur Urlaub und Auswandern stehen im Vordergrund – 360° Kanada zeigt noch mehr Perspektiven von Kanada. Kultur und Lifestyle werden ebenso regelmäßig thematisiert wie die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung. Abgerundet wird das redaktionelle Spektrum durch die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse. 360° Kanada ist damit ein Muss für jeden Kanada-Fan!

http://www.360grad-kanada.de

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