Faszination Kanada

Reise zum Ende des Eises

Eisberg an der Treibeiskante
Eisberg an der Treibeiskante (c) Tourism Nunavut

„Sinaaq“ – so nennen die Inuit, Ureinwohner in Kanadas nördlichstem Territorium Nunavut, in ihrer Sprache Inuktitut einen Ort, der uns Europäern fremder nicht sein könnte: die arktische Treibeiskante. Hier, wo das offene Meer in jedem Frühjahr auf die sich zurückziehenden festen Eismassen des zugefrorenen Meeres trifft, befindet sich das wohl dynamischste und vielseitigste Ökosystem der Erde.

Wenn die Tage in Nunavut ab April wieder länger und die Temperaturen milder werden, vollzieht sich in der Arktis ein faszinierendes Phänomen, das täglich wechselnde bizarre Landschaftsformen ausbildet. Den Ort des Geschehens bezeichnen die Inuit mit „Sinaaq“, im Englischen spricht man von „Floe Edge“. Eine „floe“ ist eine im Meer treibende flache Eisscholle aus Salzwasser, die ein stattliches Ausmaß von bis zu zehn Kilometer Breite erreichen kann. Als Treibeis hebt und senkt sie sich mit den Gezeiten und reist mit den Meeresströmungen und arktischen Winden durch den eisigen Ozean. Erst in Küstennähe wird diese Riesen-Eisscholle durch festes Eis ausgebremst, das mit der Landmasse verbunden ist. Sie dockt sich ans Land oder den flachen Meeresboden an. Die Treibeiskante entsteht. Das Aufbrechen und Auftürmen des schmelzenden Eises kreiert jeden Tag ein neues aufregendes Landschaftsbild, bis der Prozess Ende Juni abgeschlossen ist.

„Line of Life“ – auch so wird die Treibeiskante manchmal genannt. Nichts ist treffender als diese Bezeichnung! Denn von April bis Juli sammelt sich die Tierwelt der Arktis entlang der Treibeiskante. Die Tiere warten in Scharen darauf, dass das Eis schmilzt und den Weg frei macht zu den reichhaltigen Futterstellen in den Meeresbuchten und zerklüfteten Fjorden der arktischen Küste Nunavuts.

Die Gewässer um Baffin und Bylot Island enthalten die reichhaltigste Verbreitung maritimer Säugetiere in der östlichen Arktis. Walrösser und Seehunde tauchen auf, um sich im Sonnenschein zu wärmen, kleine und große Eisbären wandern umher oder genießen ein Bad im Meer. Direkt vor der Küste tummeln sich quasi zum Greifen nah Heerscharen von weißen Belugawalen, seltenen Grönlandwalen und Narwalen, die in Milne Inlet ihre Jungen zur Welt bringen. Millionen arktischer Zugvögel sind unterwegs zu ihren Sommernistplätzen. Ein Zwischenstopp an der Treibeiskante verspricht ihnen Leckereien, die bei der Seehundjagd der Eisbären übrig geblieben sind. Ferngläser und Kamera nicht vergessen: Dem überwältigten Besucher eröffnet sich ein reichhaltiges und vielseitiges Ökosystem, das wie kein anderes zu extensiven Tierbeobachtungen einlädt.

Doch die Treibeiskante ist auch Stätte eines weiteren Naturschauspiels. Wenn das Eis aufbricht, kommen sie langsam angeschwommen – die Eisberge. Als weiße Gipfel treiben sie auf kristallblauem Meer. Beachtlich und gefährlich zugleich, denn nur ein Achtel ihrer Masse ist über dem Wasser zu sehen. Aus Schneeflocken geboren, die vor 10.000 bis 15.000 Jahren auf die Erde fielen, sind sie heute wahre Kunstwerke der Natur, die von den tosenden Wellen des Meeres, Strömungen und pfeifenden Winden geformt wurden. Die gesamte Ostküste Baffin Islands von Pond Inlet bis Qikiqtarjuaq gleicht einer einzigen Eisberg-Galerie, die weltweit einmalig ist. Den ganzen Sommer über dauert die Wanderung der schimmernden Giganten. Die Treibeiskante ist spektakulär, mystisch – und gefährlich. Man sollte sie daher nicht auf eigene Faust aufsuchen.

Geführte Tierbeobachtungs-Touren entlang wunderschöner Berg-Szenerien, geschäftiger Vogelkolonien und treibender Eisberge starten in vielen Gemeinden Nunavuts, zum Beispiel Clyde River, Coral Harbour, Igloolik, Iqaluit, Pond Inlet oder Qikiqtarjuaq. Erfahrene Reiseführer aus der Region, die sich bestens mit den Gezeiten, Wetterkonditionen und dem sich permanent verändernden Zustand des Eises auskennen, sorgen für die Sicherheit der Besucher. Gleichzeitig können die professionellen Naturforscher und ortsansässigen Inuit mit viel Wissen über Natur- und Kulturerbe Nunavuts begeistern.

Touren zur Treibeiskante können als eintägiger Ausflug oder als mehrtägige Exkursion auf dem Eis mit Übernachtung in Zelten gebucht werden. Wild, gemütlich und unvergesslich. Gereist wird mit dem Hundeschlitten oder dem Boot, mit Schneemobil oder dem traditionellen Qamutiik, einem arktischen Schlitten, der von einem Schneemobil gezogen wird. Für die ganz erprobten Abenteurer werden Expeditionen angeboten, bei denen Teilstrecken auf Skiern oder im Sea-Kayak zurückgelegt werden. Oft wird bei einer Treibeiskanten-Tour ein traditioneller Lunch gereicht: Arktischer Saibling mit Bannock – ein traditionelle Fladenbrot der Inuit – und Tee aus dem kristallklaren Wasser eines Eisberges.

Herzlich willkommen in Nunavut!

www.nunavuttourism.com

Reise zum Ende des Eises
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Julia Schoon

Als Reporterin ist Julia Schoon in ihrem Element: Lieblingsthemen der freien Journalistin sind Berlin, Menschen und Reisen. Im Sommer 2010 verbrachte sie zwei Monate in Kanada, sechs Wochen davon lebte sie in Calgary. Auf ihren Recherchen lernte sie in den Drumheller Badlands, dass Bio-Repellent Moskitos kein bisschen abschreckt, in Vancouver, dass „gay the new black“ ist, und auf der Calgary Stampede, dass man so ziemlich alles frittieren kann.

http://www.julia-schoon.de

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